SO ISST DEUTSCHLAND – UND WIE DIE POLITIK DIE GELEGENHEIT NUTZT

 

Dr. André Vielstädte, Vorstand der Jägerstiftung natur+mensch / 04.01.2017

KOMMENTAR: SO ISST DEUTSCHLAND – UND WIE DIE POLITIK DIE GELEGENHEIT NUTZT
DER BUNDESERNÄHRUNGSMINISTER PRÄSENTIERT DEN ERNÄHRUNGSREPORT 2017 UND NUTZT DIE GELEGENHEIT FÜR DEN ANBRECHENDEN WAHLKAMPF.

Der deutsche Verbraucher ist schizophren. Er hat nicht eine Persönlichkeit, wenn es um sein Ernährungsverhalten geht, es ist eine Vielzahl von Verhaltensmustern, die sich untereinander nicht wirklich grün sind. Das Ganze wird jüngst präsentiert im Ernährungsreport der Bundesregierung, also staatlich geprüft, besiegelt und für das Wahlkampf-Silbertablett vorbereitet.

PERSÖNLICHKEIT 1: DER TIERLIEBHABER

Das Lieblingsessen ist und bleibt Fleisch. 53 Prozent der Deutschen essen am liebsten Fleischgerichte und da häufig Fleisch auf seinem Teller zu finden ist, interessiert sich der Verbraucher natürlich auch für die Tierhaltung. 87 Prozent der Befragten wünschen sich laut Ernährungsreport eine bessere Tierhaltung. Das ist nur folgerichtig. Man könnte meinen, für eine bessere Tierhaltung wird an der Theke auch mehr bezahlt. In Umfragen würde jetzt jeder zustimmen, im Supermarkt kommt allerdings der Sparfuchs durch. Schließlich gibt es schon heute eine Vielzahl an Produkten, die für diverse Haltungsformen stehen.

PERSÖNLICHKEIT 2: DER WOCHENENDKOCH

Wer besonders viel Wert auf die Herkunft seines Essens legt, nimmt sich natürlich keine Zeit zum Kochen. 55 Prozent der Befragten wünschen sich eine einfache und schnelle Zubereitung von Gerichten – zehn Prozentpunkte mehr als vor einem Jahr. Und: Immer weniger Deutsche kochen unter der Woche selber, sondern essen zwischendurch, am Imbiss oder in der Kantine.

PERSÖNLICHKEIT 3: DIE GENERATION CONVENIENCE

Schnell muss es gehen. Deswegen sind vor allem Tiefkühlpizzen und andere Fertigprodukte im absoluten Trend. Klar, wer auf Qualität achtet und auswärts isst, der nimmt sich dafür auch Zeit. 41 Prozent der Befragten gaben an, sich gerne Tiefgekühltes in den Ofen zu schieben; ein Anstieg um neun Punkte im Vergleich zum Vorjahr. Bei den 19- bis 29-Jährigen sind sogar 60 Prozent für die Convenience-Produkte, neudeutsch für Fertigprodukte.
Das Verhalten der Deutschen ist zwar in sich nicht stimmig, aber das muss es auch nicht sein. Schließlich ist die Verbraucherentscheidung eine ganz persönliche und private. Wer Fleisch essen möchte, der darf das, egal ob preisbewusst, Dry Aged oder Wildbret.

Erstaunlich ist vielmehr, dass die Berliner Politik gleich zur Höchstform aufläuft und eine Wahlkampfforderung nach der nächsten präsentiert. Der Tenor: „Wir machen das, was gesellschaftlich akzeptiert wird.“ Doch zeigt der Bericht nur, dass Menschen emotional entscheiden. Der Veggie-Trend der vergangenen zwei Jahre ist durch nichts anderes getrieben. Fraglich ist aber, warum sich die Politik mehr und mehr nach diesen kurzfristigen Emotionen richtet. Wie schon in anderen Debatten, wie bei den Landesjagdgesetzen oder den Landesnaturschutzgesetzen, richtet sich die Politik nach der „gesellschaftlichen Akzeptanz“. In Zeiten, die gesellschaftlich wechselhafter nicht sein können, müssen Entscheidungsträger langfristig denken und nicht den gefühlten Mehrheiten hinterherlaufen. Das persönliche Essverhalten darf dafür nicht instrumentalisiert werden.

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